Parisa

Parisa

Zwischentöne verstehen

SPRACHE UND TEILHABE


Zuhause ist Familie, Improküche & Nachbarschaft

Was sie spontan mit Zuhause verbindet, ist ihr Garten und die gemeinsamen Mahlzeiten. „An erster Stelle zuhause ist jetzt meine Familie. Da ist mein Mann und meine beiden Kinder.“ Doch nicht nur der engste Familienkreis, sondern auch ihre Nachbarinnen sind ein Grund, warum sie sich in ihrem Zuhause wohlfühlt. „Meine Nachbarinnen sind mir sehr wichtig. Dadurch, dass wir alle zusammenwohnen, verbindet das sehr.”

Wenn sie selbst für ihre Familie zu Hause kocht, improvisiert sie am liebsten. „Ich mach oft aus dem Stehgreif etwas.“ Jedes Mal wird die heiß geliebte Paella abgewandelt und schmeckt dann auch nur bei Parisa so. Darüber hinaus empfiehlt sie allen, die es noch nicht kennen, die persischen Gerichte Sabse Ghourmeh und Lubia Polo zu probieren. Das erste Gericht besteht aus Gemüse und Lammfleisch mit Reis, das zweite wird mit Hackfleisch, Bohnen und Reis zubereitet. 

Auf dem Sofa ganz links! – Zuhause einrichten

Nach der Frage „Was ist dein Lieblingsplatz?“ bricht es sofort aus ihr heraus: „Auf’m Sofa ganz links! Das ist mein eigener Platz!“, gefolgt von einem klaren, unheimlich ansteckenden Lachen. Sie fügt nach kurzer Überlegung hinzu: „Aber den geb‘ ich auch gerne ab.“ Von dort aus, kann sie – Füße hoch – den Blick in den Garten auf das neue Apfelbäumchen genießen oder sieht ihren Kindern beim Spielen zu; als berufstätige Mutter ohnehin ein seltenes Vergnügen.

In den wenigen ruhigen Momenten des Alltags liebt Parisa ihren Sofaplatz zum Entspannen.

Seit vier Jahren wohnt sie mit ihrer Familie hier in Meiendorf. „Als ich 2017 hierhergezogen bin und das so peu à peu eingerichtet hab und wo dann die ersten Lampen hingen und die Einrichtung kam und die Küche dann installiert war, da hab ich dann gedacht. ‚Ja, das ist das Zuhause.‘“ Ein Zuhause muss eben mit persönlich ausgewählten Möbelstücken und Accessoires gefüllt werden. Den rustikalen Esstisch mag sie sehr. Eine kupferfarbene Lampe im Wohnzimmer bezaubert mit Lichtbrechungen. Sie hat lange danach gesucht und freut sich jeden Tag über ihre Wahl. 

Vom Umziehen und Ankommen

Parisa erzählt, dass sie in Teheran geboren ist und gemeinsam mit zwei Geschwistern im Norden Irans, in Tabriz und Ardabil, aufgewachsen ist. „Dadurch, dass mein Papa beruflich versetzt worden ist, mussten wir dann immer mit umziehen. So hat sich das ergeben, dass ich nicht an einem Ort meistens war.“ Die Erinnerungen an diesen Teil der Kindheit sind für Parisa sehr präsent. Sie erklärt, dass die meisten Iraner ein eigenes Grundstück und ein eigenes Haus besitzen. Es ist kulturell stark verankert, dass Wohneigentum zum Leben dazugehört. Wenn man umzieht, dann vermietet man in der Regel das eigene Haus und behält sich die Möglichkeit vor, später wieder zurückzukehren.

Ihre Erinnerungen an die Kindheit im Iran sind sehr lebendig und ihr Interesse an dem Land, in dem sie geboren wurde, ist nach wie vor da.

Wie sie die Umzüge als Kind erlebt hat? „Es war gar nicht so schlimm. Es war immer sehr aufregend.“

Mit 6 Jahren ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. An die erste Zeit hier kann sie sich nicht so gut erinnern wie an die ersten Jahre im Iran. „Das kann mit der Sprache zusammenhängen, da man ja hierherkommt und sich erstmal die Sprache aneignet. Dann speichert man das auch nicht so bewusst. Wenn man die Sprache versteht und alles miterlebt und mitreden kann, dann nimmt man das viel mehr wahr.”

Zuhause im Verstehen, was um einen herum passiert & Teilhabe

Die Kinder in der Schule halfen ihr damals spielerisch Deutsch zu lernen. „Das erste Wort, was ich auf Deutsch gelernt habe, war ‚affengeil‘ … und dann kam der Rest!“ sagt sie unter schallendem Lachen bei dieser Erinnerung. Um Deutsch zu lernen hat Parisa jeden Nachmittag akribisch alle Wörter, die sie im Fernsehen nicht verstanden hat, notiert und von ihrem Onkel, der schon länger hier lebte, übersetzen lassen. Heute träumt sie in beiden Sprachen. Mal so, mal so. Nur das Rechnen mag sie noch lieber auf Persisch.

Eine sehr genaue Vorstellung, was denn für sie das Gegenteil eines Zuhauses wäre, beschreibt Parisa wie folgt: „Wenn ich irgendwohin käme, wo ich die Sprache nicht verstehe, wo ich die Menschen um mich herum nicht verstehe, die Mimik, Gestik, nicht zuordnen kann und wo ich dann auch auf Anhieb nicht weiß, ob ich die Sprache wirklich so lernen kann wie die meisten, die dort leben. Das würde mich sehr traurig machen und das würde mich dann auch sehr isolieren und das wäre nicht mein Zuhause!“

Darüber hinaus betont sie, wie wichtig die echte Auseinandersetzung mit politischen Strukturen ist, da wo man eben gerade lebt. Ihrer Ansicht nach sollte sich jeder Mensch immer wieder fragen, was im eigenen Land passiert, um die Zusammenhänge zu verstehen. Das ist ihr außerordentlich wichtig. Wer sich nicht mit der Gesellschaft, den Gepflogenheiten oder eben der politischen Situation auseinandersetze, bleibt in der Folge „nur eine Randfigur!“, die nicht vollumfänglich teilhaben kann.

Doppelkultur an die nächste Generation weitergeben

Parisas Mann ist gebürtiger Deutscher und die gemeinsamen Kinder lernen sowohl Feste wie Weihnachten und Ostern kennen als auch iranische Traditionen. „Ich mach das bewusst für die Kinder.“ betont Parisa. Mit ihren iranischen Nachbarn feiert sie – ausgelassen über ein kleines Feuer hüpfend – das iranische Jalda-Feuerfest im Dezember und das wichtigste Fest der Iraner im März, das Neujahrsfest Nowruz.

Warum sie das macht? „Dann wissen sie zumindest, dass es sowas gibt. Wenn man das völlig aufgibt und das gar nicht mehr macht, dann lernen sie das auch gar nicht kennen. Das ist ja eigentlich wahnsinnig schön, wenn man eine zusätzliche Kultur den Kindern mitgibt.“ Auf diese Weise können die Kinder von einer Erlebniswelt aus zwei Kulturen profitieren. Parisa hört selbst liebend gern Musik aus aller Welt. Zuhause hört sie eine bunte Mischung aus deutschen Songs von SEEED, lateinamerikanische Musik, aber auch arabische oder indische Musik fasziniert sie. Persische Kinderlieder findet sie über die App Radio Javan.

Parisa hört zu Hause gern Musik aus aller Welt: von SEEED bis hin zur persischen Musik.

Das letzte Jahr zu Hause

Wie für viele, die in einer Familie leben, so war auch für Parisa das letzte Jahr sehr durchwachsen. Eine Mischung aus Glücksmomenten, Entschleunigung, aber auch hoher Belastung. Schließlich musste der Job neben Homeschooling und „Home-Kita“ gemanagt werden.

„Allerdings muss ich sagen, dass ich die Zeit mit der Familie wirklich wahrgenommen habe. Ich hab wirklich meine Kinder kennengelernt. Ich kenn jetzt alle Macken von ihnen!“ und wieder ertönt dieses unheimlich schöne, ansteckende Lachen. „Auch meinen Mann hab ich besser kennengelernt.“ Dann hat wohl für manche Familien der Lockdown zu Hause intensivere Bindungen zwischen den Familienmitgliedern geknüpft, die zumindest punktuell im Alltag aufblitzen und Kraft geben.

Interviews und Fotos: Christina Fellenberg

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