Georg

Georg

Zuhause zwischen

Heimat & Freiheit


Eisig kalt ist es heute. Der starke Gegenwind zum Fahrradpedal vereitelt fast das pünktliche Ankommen. Vorbei an riesigen Kränen, die neue Büroräume auftürmen, entlang vereinzelter Gewerbebauten bis zum hinteren Ende der Straße müssen wir fahren. Da! Auf der rechten Seite wogt ein großes Sonnensegel im Takt des Aprilwinds. Hinter dem Segel verbirgt sich das Zuhause von Georg. Die Fahrradklingel bringt ihn zum Vorschein: „Hallo. Herzlich willkommen!“

Das Habitat: der gemütlichste und wärmste Platz im Zuhause von Georg.

Mobiles Zuhause – LKW als Heimat

Die Einstiegstreppe zum LKW ist schnell erklommen, vorbei am Briefkasten und der Veranda mit Stuhl. Gleich am Anfang des „Koffers“, wie Georg es manchmal nennt, ist ein Kunst-, Aktions- und Sammelbereich. Hier hängen Poster und Erinnerungsstücke.

Danach kommt die Küche mit Gaskocher, einem Brett und Geschirr. Mehr brauche er nicht, betont er.

Georgs minimalistische Küche im LKW.

Ganz hinten ist der sicherste und wärmste Abschnitt, das „Habitat“ oder die „Loggia“, wie Georg ihn liebevoll bezeichnet.

Zwei große einladende Sessel auf der linken, das Sofa, welches gleichzeitig Schlafplatz ist, auf der rechten Seite. An den Wänden sieht man das historisch gewachsene Anverwandeln seines Zuhause-Raums: Skizzen, HTML-Code neben einem Mykonos-Bild und künstlerischen Zitaten. Gitarren funkeln dazwischen… und zwar jede Menge. Die hellblaue Plane an der Oberseite dämpft das Licht und taucht es in sanftes Blau. Wie bestellt feuert ein Sonnenstrahl plötzlich einen hellen Flur ins Innere.

Ob es im Winter kalt ist? Und ob! Der Fußboden ist daher mit Isomatten und dicken Teppichen ausgelegt, Georgs Füße mit Kuschelhausschuhen bestückt; die Gasflasche sorgt bei Minusgraden für ausreichend Wärme im Habitat. 

Heimat Rahlstedt

Auf die erste Frage, was er mit Zuhause verbindet, antwortet er ohne zu überlegen: „Dieses Heimatgefühl!“ Er fährt fort: „Am zuhausesten bin ich hier im Stadtteil, weil ich hier einfach heimisch bin, zur Grundschule gegangen bin und meinen Sohn großgezogen habe.“ Daher wollte er sich auf keinen Fall aus Rahlstedt, seiner Heimat und der seiner Vorfahren, verjagen lassen. Bis ins 18. Jahrhundert lässt sich Georgs Rahlstedter Familiengeschichte sogar zurückverfolgen. “Nö! Ich bin Rahlstedter, ich lass mich hier nicht aus politischen Gründen vertreiben!” Seit ein paar Jahren lebt er inzwischen in seinem LKW in Rahlstedt und Umgebung. Er ist trotz seinem mobilen Zuhause fest im Stadtteil verankert und hat gute Beziehungen zu seinen früheren und jetzigen Nachbarn.

Schon in seiner Jugend hat er selbst Gitarren gebaut.
Georg ist ein großartiger Tüftler. Aus jedem Fundstück kann er etwas Neues zaubern. Lange Zeit hatte er einen „Umsonstladen“, wo sich jeder Mensch nach Herzenslust bedienen konnte.

Wie das LKW-Projekt entstanden ist – Wohnen als Protestaktion

Die Entscheidung, dauerhaft in einen LKW zu ziehen, hat Georg bewusst getroffen, nachdem er nach 20 Jahren Wohnzeit mit seinem Sohn aus einer Rahlstedter Genossenschaft ausgeschlossen wurde. Seiner Ansicht nach lag das an seiner für manch einen vielleicht unbequemen, weil kritisch-hinterfragenden Art. Ganz genau habe er das Genossenschaftsrecht studiert. Um Mitbestimmung zu erwirken, habe er sich für die Gemeinschaft eingesetzt. Hier ist Georgs Herzblut deutlich zu spüren:

„Ich persönlich scheitere an dem Desinteresse der Menschen, an der Desinformation und an dem Wohlstandsgehabe. Den Leuten geht es offensichtlich zu gut und sie wissen gar nicht, was sie da für ein Juwel haben mit diesem Genossenschaftsrecht.”

Er mahnt, sich jeden Tag neu und ernsthaft mit demokratischen Strukturen der Mitbestimmung auseinanderzusetzen, seine Rechte zu kennen und zu nutzen.

In seiner Erlebniswelt stellt das Leben im LKW einen Protest gegen unerschwinglichen Wohnraum, „Geländeraub“ und die „Mietversklavung“ dar und ist gleichzeitig gelebte Autarkie. „Überall entstehen nutzlose Gewerbebauten, meines Erachtens nutzlos, weil die gibts schon zuhauf und Wohnraum wird immer knapper. Die Wohnungslosen werden immer mehr und die Obdachlosen.“

Er liebt die Freiheit, sich überall hinzustellen, wo es ihm passt, ganz ohne Mietvertrag. Die Community, die er dadurch in verschiedenen Kunstprojekten oder bei den G20-Gegnern erfahren hat, ist ihm sehr wichtig. Dem ist auch der Name seines Wohnprojekts „Barco Liberado – Wood ‚n‘ Pearl“ entlehnt.

Georgs mobiles Zuhause

Georg ist nicht obdachlos. Im Gegenteil, davon grenzt er sich bewusst ab. Der LKW ist sein Zuhause, sein Rückzugsraum. Wer einmal in seinem Wohnzimmer saß, würde auch nie auf so eine Idee kommen. „Ich leb an exponierter Stelle, ich bin nicht obdachlos. Ich statuiere meinen LKW als meine Heimat, als meinen Wohnraum und das funktioniert ja und das beweise ich ja auch.” Eine Adresse hat er selbstverständlich auch: die Straße und das Kennzeichen des LKWs. Bisher ist schon jede Menge Post angekommen.

Georgs Briefkasten freut sich über Post.

Wie das Zuhause klingt

Wenn man in der LKW-Loggia sitzt, schwankt es leicht wie auf einem Schiff, denn der Wind drückt intervallisch gegen die Wände. Dieses blecherne Geräusch von allen Seiten vermittelt das Gefühl, direkt in einer Windharfe zu sitzen. Eine wirklich neue Erfahrung.

Gitarren baut er seit seiner Jugend. Damit hat er sich früher sein Taschengeld verdient. Wenn er sich eingespielt hat, fliegen die Finger nur so über die Bünde, dass einem schwindlig wird. Heute zupft er uns zuliebe, dazu summend unsterbliche Songs von Joan Baez oder von Ton-Steine-Scherben. „Ich bin nicht frei und ich kann nur wählen…

Bezahlbare Wohnungen für Menschen

Was er sich für den Stadtteil wünscht? „Auf jeden Fall weniger Gentrifizierung und dass die Bedürfnisse der Menschen im Vordergrund stehen und nicht das Gewinnstreben der Immobilienwirtschaft.“

Interviews und Fotos: Christina Fellenberg

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