Klara Distel

Klara Distel

Zuhause ist eine 2-Zimmer-Wohnung in Meiendorf

Klara Distel hat sich heute auf den Weg gemacht, denn sie hat viel zu erzählen. Ihre himbeerfarbene Jacke leuchtet von weitem und kommt schwungvoll auf uns zu. Den Collegeblock unterm Arm und eine Überraschung im Korb, kommt sie am Saal des Kulturzentrums BiM an. So kostbar, dass sie ihre bewegte Geschichte mit uns teilt!

Kindheit in Russland

Geboren wurde Klara Distel in Russland, genauer gesagt in Dönhoff [1], einer Siedlung, in der fast ausschließlich Wolgadeutsche lebten. Als sie zweieinhalb Jahre alt war, erreichte der 2. Weltkrieg Russland. Sie und ihre Familie wurden aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur wolgadeutschen Community aus ihrer Heimat vertrieben und nach Sibirien verschleppt.

Ihre Familie, ihre Eltern und vier Kinder, lebte für die nächsten Jahre in Sibirien. Der Vater wurde wenig später in den Ural geschickt, um dort Waldarbeiten durchzuführen. „Wir waren mit Mutti allein. Kein Geld. Keine Wohnung, waren so arm. Schrecklich.” 

Zuerst hatten sie keine Bleibe in Sibirien. Ihr großer Bruder hat in der Not ein großes Loch in die Erde gegraben und eine Semljanka, eine Art Erdhaus, ausgehoben, wo sie erst einmal unterkommen konnten. Sie beschreibt das so: „Wir waren ganz in der Erde, nur das Dach hat ein bisschen rausgeguckt. Dort haben wir gewohnt”. Ein Vorteil dieser Behausung war, dass es in der Erde im bitterkalten Sibirien etwas wärmer war als oberhalb der Erdoberfläche.

Als Wolgadeutsche hat sie heftige Diskriminierung im Alltag durch einige russische Nachbarn erfahren: “Als ich in die 1. Klasse in Russland gegangen bin, sind wir aus der Schule, aus der Klasse raus. Ich wollte nach Hause gehen und ein Junge aus meiner 1. Klasse hat mich so angepackt und geschlagen und gesagt ‚Du bist eine Faschistin, du bist eine Faschistin!‘ “

Gern hätte sie wie ihr Bruder nach der 7. Klasse noch weitergelernt oder studiert. „Mein Bruder hat die 10. Klasse beendet und dann als Lehrer gearbeitet. Ich hab gesagt ‘Ich will auch, ich will auch!‘ ‘Nein’ hat der Vater gesagt. ‚Die große Familie kann ich nicht allein finanzieren. Du musst arbeiten.“ Insgesamt 34 Jahre hat sie in Russland als Verkäuferin gearbeitet. Sie spricht gern davon, weil es ihr Spaß gemacht hat, mit den Kunden und Kolleginnen, aber auch mit Zahlen umzugehen.

Klara Distel (hinten) mit ihrer Mutter und ihren 4 Geschwistern beim Fotografen in Sibirien.

Geteiltes Bett, geteilter Wohnraum, geteiltes Geld

Im Erdhaus an der Wand hat der Bruder ein langes schmales Holzbrett befestigt. Das war das Bett. Eine Matratze hatten sie damals nicht. Hintereinander lagen die Geschwister darauf. „Nur auf dem Brett haben wir geschlafen die Nacht.“

Mit 21 Jahren hat Klara Distel entgegen dem Willen ihrer Eltern ihren heutigen Mann geheiratet und ist mit den Schwiegereltern in eine 1-Raum-Wohnung gezogen. Dass das als junges Paar nicht immer leicht gewesen sein dürfte, kann man sich denken. Ihre Aussteuer bestand aus einem Kissen und einer Steppdecke. Am Anfang mussten die jungen Eheleute das Geld, das sie verdient haben, vollständig an ihre Schwiegereltern abgeben.

Nicht deutsch, nicht russisch

Ihr Mann stammt wie sie aus einer wolgadeutschen Siedlung nahe Saratov. Klara Distel beschreibt die Zugehörigkeit so „Mein Mann ist auch so einer: nicht deutsch, nicht russisch.“ Zuhause reden sie meistens Russisch miteinander, da sie es als Kleinkinder in Sibirien gelernt haben und auch in der Schule und im Arbeitsalltag Russisch gesprochen wurde. Mit ihren Nachbarn spricht sie Deutsch. Sie freut sich, dass sie gute Beziehungen mit allen Bewohnern im Haus hat und nimmt gern Pakete für ihre Nachbarn an.

“Wir sind Deutsche, aber als Kind haben wir gleich Russisch gesprochen und dann hab ich angefangen, ganz langsam immer ein bisschen Deutsch [zu sprechen]. Na und jetzt kann ich es nicht 100%, aber doch schon ziemlich.” Ein paar wolgadeutsche Wörter und Ausdrücke, die süddeutschen Dialekten stark ähneln, kommen ihr in den Sinn. „Owe“ heißt „oben“, „newe“ heißt „neben“ und “Was schaffst du denn?“ bedeutet „Was arbeitest du?”.

Abreise nach Deutschland

Die Entscheidung 1994 mit ihrer Familie nach Deutschland auszuwandern, ist ihr nicht leichtgefallen. Ihre Kinder und ihr Ehemann bestanden damals darauf. Da sie nicht allein bleiben wollte, ist sie mitgekommen. Inzwischen ist sie mit ihrer Entscheidung zufrieden und betont vehement, dass sie das Leben in Russland nicht vermisse. Sie erinnert sich an die Ankunft hier, wie sie sich beim Anblick der Gebäude gefreut hat: „Na, guck doch mal. Schöne Häuser. Guck doch mal.“

Angekommen in den eigenen vier Wänden in Meiendorf

Seit 17 Jahren lebt sie mittlerweile hier in Meiendorf. Heute sagt sie, dass ihre 2-Zimmer-Wohnung ihr Zuhause ist. Es ist der Ort, an dem sie mit ihrem Mann lebt, kocht, ab und zu Duraka, ein Kartenspiel, spielt. Es ist der Ort, wo jeden Samstag die Familie zusammenkommt und von ihr liebevoll versorgt und bekocht wird, „ob sie wollen oder nicht“, wie sie schmunzelnd hinzufügt. Inzwischen hat sie viele Enkelkinder, die sich über Nudelsuppe, gebratenen Fisch mit Kartoffeln, Karotten-Rote-Beete-Salat und über ihre Spezial-Holundersaft-Torte mit gemalten Sahneblumen freuen.

Die Holunderbeeren für die Tortenschicht sammelt sie selbst in der Umgebung. Auch in der russisch-deutschen Gruppe im Kulturzentrum BiM fühlt sie sich wohl und bringt gern Torten oder Salate für gesellige Runden mit. Die Überraschung aus dem Korb duftet schon. Mmh. Eine Torte hat sie mitgebracht. Wie sie die Blumen malt, zeigt sie hier:

Entspannen und sich etwas gönnen, ist schön

Seit ihrem 14. Geburtstag hat sie hart gearbeitet. Ihr Rücken tut häufig weh und „die Beine wollen nicht mehr“. Deshalb haben die beiden beschlossen, sich etwas Gutes für ihre Gesundheit zu tun und eine Massageliege gekauft. Als ich sie nach einem Lieblingsplatz zu Hause frage, lacht sie: „Mein Bett! Das ist mein Lieblingsplatz!“ Bedenkt man, dass sie lange Zeit weder ein eigenes warmes Bett, noch ein eigenes Zimmer oder eine Wohnung für sich und ihren Mann hatte, bekommen ihre Worte ein anderes Gewicht. Und das herzliche, zufriedene Lachen, während sie das preisgibt, ist sogar durch die FFP2-Maske deutlich zu hören.

Interview und Fotos: Christina Fellenberg

[1]https://www.volgagermans.org/who-are-volga-germans/settlements/original/donhof Stadt in der Nähe von Saratov, wurde 1766 von Siedlern aus Württemberg und Schleswig-Holstein gegründet

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