Abdul Rahman

Abdul Rahman

Zuhause ist Familie & der Ort, wo man frei sprechen kann


Durch die Hecke dringt schon ein Plaudern und Hopsen. Dann sieht man ihn und die beiden Kinder, die um ihren Papa herumtanzen. Der kleine Wirbelwind mutig vorweg. Dahinter der große Bruder. Unser Meiendorfer Nachbar Abdul Rahman hat sich heute Zeit genommen, um seine Gedanken zum Thema „Zuhause“ mit uns zu teilen. Die Sonne lädt uns ein, draußen im Garten zu sitzen. Die beiden Kinder fliegen mit den Nachbarskindern um die Wette, tauschen Sammelkarten und erkunden die Gegend. Obwohl Abdul Rahman in vielen Sprachen zu Hause ist, fühlt er sich heute auf Englisch am wohlsten.

Was ist Zuhause?

‚If I hear the word “home”, what comes in my mind is, where you can feel good.“ Er spricht weiter und erklärt, dass neben dem Wohlfühlen, das Gefühl der Freiheit eine wichtige Rolle spielt und dass man alles hat, was man braucht. 

Abdul Rahmans Lieblingsplatz ist das Wohnzimmer, weil dort alle zusammenkommen und miteinander sprechen. Für Abdul Rahman ist die Familie ein wesentlicher Bestandteil des Zuhauses. “Home is made of family. You see your family, you have a home.”[1] Wenn er seine Liebsten sehen und mit ihnen sprechen kann, ist er glücklich. Könnte man dann im Umkehrschluss überall zu Hause sein, wo die Familie ist? Seiner Meinung nach ist das im Grunde so. „If the family feels home, then you can live everywhere. If you have your family, you have everything.” Familie ist das Wichtigste.

Das Zuhause entsteht durch das Zusammensein mit der Familie.

Er erzählt von seinem Alltag. „Ich habe meine Familie, wir führen ein gutes Leben. Meine Kinder gehen zur Schule, ich gehe zur Arbeit.“ Sein Sohn ist inzwischen Klassensprecher, erzählt er stolz. Wenn sie sich abends zu Hause wiedersehen, dann essen sie noch gemeinsam, bevor sie schlafen gehen. Mit seinem Leben ist er momentan sehr zufrieden.

Wie viele Menschen, so zieht auch Abdul Rahman zu Hause gern etwas Gemütliches an. Das Umziehen markiert in gewisser Weise die Grenze zwischen Draußen und Drinnen. Auf seinem Handy zeigt er mir ein Bild von seinem Zuhause-Gewand, dass er in mehreren Farben und Längen hat.

Hier sieht man Abdul Rahman mit seiner strahlend blauen Zuhause-Kleidung in seinem Wohnzimmer, seine Tochter eng an ihn geschmiegt.

Abdul Rahman zeigt uns seine Lieblingskleidung für zu Hause. Angenehmer Stoff und starke Farben.

Wie sieht ein Wochenende aus?

Wenn nach der Arbeit oder am Wochenende Zeit ist, kocht er ausgiebig gemeinsam mit seinen Kindern. Ein Gericht, das häufiger auf den Tisch kommt ist Tuo Zaafi[2], das ihm auch dann ein Gefühl von Zuhause schenkt, wenn er nicht zu Hause ist. Allerdings ist es teuer, die Zutaten dafür hier in Hamburg zu kaufen. Inzwischen gibt es mehr Läden, die afrikanische Produkte verkaufen, erzählt er.

Nach dem Essen tanzen sie gern mit den Kindern zum Beispiel zu Latin Pop von Luis Fonsi. Bei der Musik kann er seinen Kopf freikriegen, auch von Erinnerungen, die ihn manchmal belasten und die er gern für eine Weile ausblenden möchte.

Austausch und Verständigung

Abdul Rahman ist ein Sprachtalent. Aufgewachsen in Ghana und England, spricht er inzwischen mehrere Sprachen fließend. Mit seinen Kindern spricht er zu Hause Hausa, Englisch und Deutsch. Neben diesen drei Hauptsprachen spricht er Twi, eine Sprache, ohne die man in Ghana schwer auskommt, Arabisch und Italienisch. Beeindruckend. In seiner Muttersprache heißt Zuhause ‚A gida‘.  

Man spürt, dass ihm der Austausch und die Verständigung wirklich am Herzen liegen. „Language plays a big role in feeling at home. Without language you cannot express yourself”. Die Sprache spielt für das Zuhause-Gefühl also eine große Rolle, da man sich ohne sie nicht mitteilen und ausdrücken kann.

Kindheitserinnerung

Als Schüler in Ghana hatte er zum ersten Mal bewusst das Gefühl von Zuhause empfunden. Während der Lernzeiten im Internat fühlte er sich zwar sicher, aber sobald er zu seiner Familie nach Hause kam, erinnert er sich gern an das schöne Gefühl.

In Deutschland lebt er seit 15 Jahren. Zu seiner Verwandschaft hält er engen Kontakt. Einige seiner Brüder und Schwestern sind auch nach Deutschland gezogen, aber ein Teil der Familie lebt noch in Afrika. Jeden Tag telefoniert er mit seiner Mutter. Einmal im Jahr besucht er sie und bleibt einen Monat lang, bevor er wieder zurückkommt. Er zwinkert und sagt lächelnd „Home sweet home”.

Leben in der Meiendorfer Nachbarschaft

Seit 2 Jahren leben er und seine beiden Kinder in einem Wohnviertel mit vielen Familien. Seine Kinder treffen gern ihre Freunde auf den umliegenden Spielplätzen. Abdul Rahman schätzt die Nachbarschaft und das gegenseitige Interesse aneinander. „The neighborhood is quite good. And I know a lot of people in the neighborhood we can talk, we ask questions ‘So, what is going on?’“

Er betont, dass er sich in Meiendorf mit seiner Familie wohlfühlt. „We are here. You can do everything you like. They accept multicultural. Everybody is entitled to what he belongs to. We are living with Christians, we are living with people who don’t have faith. It’s totally OK. Everybody believes what he believes. You have your own opinion and I am Moslem. I feel OK. People accept me as a Moslem. I accept them whatever they are. And we are living good. There is not any partiality.”[3]

Vor einer Weile hat ihm sein Sohn von einem Ausflug zur katholischen Kirche erzählt. Dadurch könne man kennenlernen, was andere Menschen tun oder glauben. Das heißt ja nicht, dass man sich gleich zugehörig fühlen muss. Aber kennen sollte man das schon, findet Abdul Rahman, wenn man so beieinander wohnt. „You get to know what some people do, that doesn’t mean you belong there, but you have to learn a lot. If you learn, that will increase your knowledge.”

Weil seine Tochter noch zum Kindergeburtstag eingeladen ist und schon aufgeregt an seinem Ärmel zupft, um ihn zu erinnern, dass sie loswill, schließt sich schon die letzte Frage an: Was wäre auf keinen Fall ein Zuhause? “For me, what can never be a home for me, is where you never can get your freedom, you can’t say anything, you don’t have your own peace of mind. That can never be home for me.“

Ein Zuhause ohne Freiheit und Seelenfrieden, wo man nicht alles sagen kann, was man möchte, das wäre für Abdul Rahman das Gegenteil von zu Hause.

Interview und Fotos: Christina Fellenberg


[1] „Das Zuhause entsteht durch Familie. Wenn du deine Familie triffst/siehst, dann hast du ein Zuhause.“ 

[2] Das Gericht besteht aus einem Brei aus Hirse- oder Maismehl und wird meist mit einer scharfen Soße, zum Beispiel Erdnusssoße gegessen.

[3] Wir sind hier. Man kann alles tun, was einem gefällt. Multikulturalität wird akzeptiert. Jeder kann selbst entscheiden, wo er sich zugehörig fühlt. Wir leben mit Christen zusammen, wir leben mit Menschen, die keinen Glauben haben. Es ist total in Ordnung. Jeder glaubt, was er glaubt. Jeder hat seine eigene Meinung. Und ich bin Moslem. Ich fühle mich gut. Die Leute akzeptieren mich als Moslem. Ich akzeptiere sie, was immer sie sind. Und wir leben gut. Es gibt keine Voreingenommenheit.



							
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