Wachsen

Wachsen

Heute treffe ich Helene. Eine Frau Mitte Vierzig mit schulterlangem Haar und strahlenden Augen, die ihre Worte sanft und mit Bedacht wählt. Eine positive Aura umgibt sie, wie ich finde und ich bin gespannt, welche Gedanken sie mit uns teilen möchte. Ein starker Kaffee wird aufgebrüht. Nachdem die Tassen vor uns dampfen, schalte ich das Aufnahmegerät ein und es geht los.

Wenn Helene das Wort Liebe hört, denkt sie zuerst an Leidenschaft. „Ich sag, Leidenschaft ist für alles wichtig, aber für Liebe ganz besonders. Wenn Leidenschaft schon entwickelt ist, dann ist es zur Liebe nicht mehr weit.” Doch das ist noch nicht alles: „Da gehört Vertrauen dazu, da gehört – wie gesagt – Leidenschaft dazu. Da gehört Ehrlichkeit dazu.” Das findet sie persönlich sehr wichtig. 

Helenes Vorstellung von einer perfekten Liebe ist klar umrissen. Vor allem auf das gegenseitige Ergänzen kommt es an und „dass man aneinander wächst, dass man sich gegenseitig unterstützt, dass man darauf achtet, was die Interessen und die Fähigkeiten des Partners sind”. Vor allen Dingen erscheint es ihr wichtig, den Partner nicht verändern zu wollen, sondern seine positiven Seiten zur Geltung zu bringen und ihm zu helfen. Sich gegenseitig zu „erkennen” und auf Details beim Anderen zu achten, sei daher essenziell. Es fällt auf, dass sie fast nie von “Beziehung” spricht, sondern nahezu immer von „Partnerschaft”, was den Aspekt der gegenseitigen Unterstützung noch einmal unterstreicht.

In ihrem Leben gab es Momente, in denen sie ein starkes Gefühl hatte, geliebt zu werden. Dann fühlte sie genau das, was sie eingangs als Liebe definiert hat. Doch nicht immer blieb das so. Sie erinnert sich auch an die dunklen Seite der Liebe, als Beziehungen zerbrochen sind und kein Vertrauen mehr da war. „Das hat teilweise damit zu tun, dass vielleicht einer unehrlich war oder dass man nicht zusammengepasst hat, was man vielleicht erst später gemerkt hat. Wo das Bauchgefühl am Anfang gesagt hat „Oh ja! Das isses!” Daher hat sie heute großen Respekt vor Paaren, die schwierige Phasen überstehen und gestärkt daraus hervorgehen. 

Verliebtsein
Wenn Helene verliebt ist, versucht sie möglichst oft, mit demjenigen in Kontakt zu treten, aber „bloß nicht zu auffällig”, wie sie schnell betont. Sie gibt schmunzelnd zu, dass sie in der Hinsicht „ein bisschen altmodisch” ist und sich wünscht, dass der Mann derjenige ist, der auf sie zukommt. Ob es gerade jemanden in ihrem Herzen gibt, bleibt ihr Geheimnis.

Für Helene ist Liebe seelisch und körperlich erfahrbar und die „Chemie” zwischen zwei Menschen muss einfach stimmen. „Wenn man jemanden vorher nicht mag oder vorher schon eine Art Abneigung hat, dann kann man sich auch nicht in ihn verlieben, meiner Meinung nach”. Wo die Liebe wohnt, habe ich mich seit meiner Kindheit gefragt und so habe ich diese Frage in mein Interview aufgenommen. Helene muss gar nicht lange überlegen. Seelisch verortet sie die Liebe im Herzen. Wenn sie an das körperliche Gefühl denkt, spontan im Bauch. 

Dann beschreibt sie, wie sie manchmal ganz schüchtern wird, obwohl sie sonst auch aufmüpfig sein kann, wie sie schmunzelnd ergänzt.

„Wenn derjenige auftaucht, dann merkt man das irgendwie. Das kann man eigentlich nicht beschreiben. Man wird wie in einen anderen Zustand versetzt. Es ist wie ein Schockmoment, nur schön!” 

Helene

Nach einem Bild gefragt, kommt Helene spontan ein dickes rotes Herz in 3D in den Sinn. „Ganz klassisch”, wie sie lächelnd bemerkt. Darüber hinaus denkt sie an das Händchenhalten. Das ist ihr besonders wichtig, weil es für sie nicht nur Nähe und Berührung, sondern auch das Sich-Unterstützen symbolisiert. 

Aufmerksamkeit 
Dann sprechen wir über Paare, die nach einer Weile einfach nur noch so nebeneinanderher leben und nicht mehr so liebevolle Beziehungen führen und Helene ist der Ansicht, dass „sie vergessen, die Zeit miteinander zu verbringen. Sie vergessen, sich gegenseitig auszutauschen, die Unterstützung zu geben, die für mich zur Liebe dazugehört, um sie wachsen zu lassen. Und sie gehen praktisch den falschen Weg, indem sie sich immer mehr zurückziehen und traurig sind.“

Die schlechten Eigenschaften des Anderen sollte man nicht überbetonen. Im Gegenteil und „wenn man so richtig liebt, dann gibt es nichts, das einen so richtig stören könnte. Es gibt zwar Makel und Macken, die man erkennt, aber es gibt nichts, was einen ekelt.” Dann ergänzt sie: „Irgendwo ist Liebe auch Arbeit, ein bisschen, auch wenn man das nicht so wahrhaben will. Ich finde auch der Zeitfaktor ist ganz wichtig. Wieviel Zeit verbringt man miteinander? Es muss nicht viel sein, aber es muss intensiv sein. Man muss sich austauschen und auf Details achten.” Gerade das Aufmerksam-Sein sei in einer Partnerschaft wichtig, wie sie nicht müde wird, zu betonen.

Familienbande
Helene hat also genaue Vorstellungen von der idealen Liebe, wie man sie erhält und sie beschreibt das Gefühl des Verliebtseins. Im Moment lebt sie zwar allein in einer kleinen Wohnung hier in Hamburg, doch sie ist von der Liebe ihrer Familie umgeben und sie liebt jeden für seine bestimmten Eigenschaften auf unterschiedliche Weise.

„Liebe ist auch nicht gleich Liebe. Es ist nicht immer Liebe, die man in der Partnerschaft hat. Es gibt ja auch familiäre Liebe und auch Freunde, Freundinnen, die man lieb hat. Das gehört ja auch mit dazu!” 

Helene

Gern erzählt sie von ihrer Kindheit, wie sie sich mit ihren drei Geschwistern am Esstisch lustige Sprüche ausgedacht hat. Auch heute hat sie einen guten Draht zu ihren Geschwistern, Neffen und Nichten und besucht sie sehr oft.

Leidenschaften
Allein leben bedeutet zwar viel Freiheit, aber auch gleichzeitig, sich immer wieder selbst zu motivieren, nach draußen zu gehen, etwas zu unternehmen, etwas zu genießen: „Ich bin im Moment in der Aufbruchphase. Ich finde immer wieder etwas, das ich leidenschaftlich gern machen würde. Häufig fallen ihr spontan Dinge ein, die sie unbedingt angehen möchte und die sie dann versucht, umzusetzen, wenn ihre „Leidenschaft brennt”.  

Gerade hat sie sich für einen Französischkurs angemeldet, um das in der Schule Gelernte wieder zu aktivieren. Daneben gehören Buchhandlungen zu den Orten, die sie liebt. Fast immer hat sie eine Buchempfehlung für ein Sachbuch parat, wenn sich jemand über ein Thema informieren möchte. 

Bevor die Kaffeetassen abgeräumt werden, bedanke ich mich bei Helene für die Erinnerung daran, den geliebten Menschen gegenüber immer aufmerksam zu bleiben… etwas, das im hektischen Alltag oft genug verlorengeht.